Was ist Psychotherapie?

Für Fachkolleginnen und -kollegen:

Psychotherapie ist mehr als die Anwendung „wissenschaftlich fundierter und anerkannter“ Methoden. Sie ist in erster Linie menschliche Begegnung und Stellungnahme. Im psychotherapeutischen Handeln scheinen eigene Welterfahrung und philosophische, ethische und anthropologische Grundhaltungen auf. Diese können den Gang der Psychotherapie mehr beeinflussen als die expliziten Interventionen.

Die gemeinsame Reflexion dieser „Grundorientierungen zur Welt und zum Menschen“ ist Bestandteil meiner alltäglichen Arbeit. Meine Grund-Sätze über das Wesen der Psychotherapie lauten:

Eine hilfreiche Psychotherapie ist

- integrativ: Sie benötigt viele verschiedene „Brillen“, durch die wir den Menschen betrachten. Ich verfüge deshalb über Ausbildungen in Verhaltens-, Gestalt- und Gruppentherapie sowie Fort- und Weiterbildungen in atem- und körperorientierten sowie familientherapeutischen und systemischen Ansätzen.

- existenziell: Es werden nicht nur „Störungen“ behandelt, sondern es werden die Bedeutungen des Leidens betrachtet in seiner Einbettung in die Themen der Liebe, des Todes, der Krankheit, der Gesundheit, der Spiritualität, des Du, der Ausweglosigkeit und der Hoffnung. Ohne Verankerung in diesen Untergrund wäre Psychotherapie nichts weiter als Psychotechnik.

- lebendig und emanzipatorisch: Psychotherapie ermutigt zum Auffinden des individuellen Weges, auch wenn nicht „Wiederanpassung“, sondern Emanzipation und „Ver-Rückung“ resultieren.

- dialektisch: Psychotherapie akzeptiert die Dialektik verschiedener Wahrheiten, von Ich und Du, von Gesundheit und Krankheit oder auch von objektiver Realität und subjektiver Wirklichkeit. Sie fördert, indem sie das Sosein des Anderen würdigt und dessen Veränderung nicht verlangt, Erneuerung und Heilung.

- relational: Psychotherapie ist Begegnung, nicht Ent-Gegnung. Der psychotherapeutische Standpunkt ist klar, aber auch zweifel-haft und beweglich. Insofern entspringt „die“ therapeutische Wahrheit weniger dem wissenschaftlichen Hirn als der Relation der Beteiligten. Anstelle der Haltung des Wissenden zeigt der Therapeut sokratische Demut mit den Konsequenzen der Neugier als heuristisches, Staunen als ästhetisches und Behutsamkeit als pragmatisches Leitmotiv.

In meiner Dissertation „Erkenntnistheoretische Grundlegung der Gestalttherapie“ habe ich eine dialektisch-konstruktivistische Wahrheitstheorie und Ethik der psychotherapeutischen Begegnung entworfen. Diese versuche ich, in meinem beruflichen Handeln zu leben.

Die Wahrheit ist
ein Meer von Grashalmen,
das sich im Winde wiegt;
sie will als Bewegung gefühlt,
als Atem eingezogen sein.
Ein Fels ist sie nur für den,
der sie nicht fühlt und atmet;
der soll sich den Kopf
an ihr blutig schlagen.

(Elias Canetti 1973: Die Provinz des Menschen. München: Hanser.)